Tentacles in Sicily- scratching the surface


Tentacles in Sicily- scratching the surface

 

Forschung and Ausstellung

 

 

Sizilien,  Oktober/November 2019

 

 

Das Berliner Duo Kg Augenstern erkundet verlassene Orte in Sizilien. Diese werden als Räume einer Veränderung der Landschaft verstanden und an der empfindlichen Oberfläche mit "Tentacles" (ausziehbaren Glasfaserruten) bekratzt, um den ihnen eigenen, spezifischen Klang zu erkennen. Die Forschung untersucht Existenz und Grenzen an Orten, an denen die Geschichte zu einem Zustand zwischen menschlicher Anwesenheit und Abwesenheit geführt hat. Das Forschungsergebnis wird in Form einer audiovisuellen Installation im Ex-Oratorium von Santa Maria del Sabato in Palermo präsentiert. Das von N38E13 kuratierte Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Palermo und dem Institut Français von Palermo realisiert. Die Ausstellung ist eine Veranstaltung im Rahmen des Transeuropa-Programms, eines transnationalen künstlerischen, kulturellen und politischen Festivals, das seit 2007 von European Alternatives organisiert wird. Die Transeuropa-Ausgabe 2019 mit dem Titel Oltremuro - findet in Palermo statt und wird in Zusammenarbeit mit der Mittelmeer-Biennale BAM organisiert.

 

 

 

Die Ausstellung umfasst eine ortsspezifischen audiovisuellen Installation, skulpturale Werke aus Sizilien und eine Audiodokumentation. Das Ex-Oratorium von Santa Maria del Sabato ist verlassen und wartet darauf, eine Synagoge zu werden. In der Vergangenheit war es eine Moschee, später eine Synagoge und ein christlicher Betsaal.

 

 

 

 

scratched ruins

 

Der Ort der künstlerischen, klanglichen und visuellen Auseinandersetzung sind Plätze, die von einer temporären Besetzung durch Menschen und deren schrittweise Aufgabe bestimmt sind. Orte, an denen die Humanisierung eine Reihe vertikaler, horizontaler und unterschiedlich geformter Mauern errichtet hat, um die Landschaft zu strukturieren und einzugrenzen. Wir gehen über einen vermenschlichten Raum hinaus zu einem Territorium, in dem Mauern und Strukturen keine Grenzen mehr bilden, sondern eine apokalyptische Erinnerung an die Konstruktion der Landschaft durch den Menschen, aufgespannt zwischen Leben und Tod. Alles wird schwer fassbar und zeigt ein Versagen in der Beeinflussung der Natur. Das Bestehende neigt dazu, ein neues Gleichgewicht herzustellen, in welchem die Einflüsse des Menschen langsam verschwinden.

 

Die, für die empfinsame Hervorbringung von Schall verwendeten "Tentakeln" wirken chirurgisch auf die sie betreffenden Oberflächen ein und suchen nach Bedeutung und Signifikanz einer primären Existenz ohne Grenzen.

 

 

 

Der verlassene Ort wird durch die kreisförmige Praxis des Kratzens überschrieben, bei welcher der wahrgenommene Klang gleichzeitig Methode und Untersuchungsgerät ist. Wesentliche Elemente sind hierbei Räumlichkeit und Zeitlichkeit des Klangs. Der Prozess des Verstehens, der Analyse und der unmittelbaren und transparenten Verarbeitung der Realität wird durch diese Methode ersetzt, wodurch andere mögliche Szenarien der Existenz von Orten deutlich werden. Ein ästhetischer und kritischer Prozess, welcher neue Räume für das Aushandeln von Bedeutungen eröffnet.

 

 

 

Das Berliner Duo untersucht die Tiefen und Sublimationen des Klangs durch die subtile Schwingung der Materie der Orte. In diesem explorativen und experimentellen Prozess tritt eine neue Ebene auf den Plan, indem Schafwolle verwendet wird, ein Element, das zwischen Leben und Tod schwebt, und sich, wie Ruinen, langsam zersetzt. Gerade im Rahmen der Erosion der verlassenen Orte trifft man solche Ablagerungen an, die wie neue Haut oder Patina die Oberflächen bedecken. Die Zersetzung wird durch die Verwendung von Wolle entschleunigt, die Vibration bei der Interaktion mit Tentakel-Scraching wird empfindlicher und der Klang gedämpfter. Das Berliner Duo implantiert eine mystische und rituelle Handlung: "enacted ruins". Eine alchemistische Umsetzung, welche Materie, Schafwolle, Ton und Glut in einem Umformungsprozess vermischt, dessen Ergebnis eine neue Existenz ist.

 

 

 

 

 

enacted ruins

 

Hier entsteht eine kreisförmige Reflexion über den Klang, in welcher dieser, von den Ursachen getrennt, unabhängig vom Werden existiert, und in der Lage ist, den Klang des Unbewussten der Natur auszudrücken. Ein Prozess der Entmaterialisierung und Spiritualisierung der Materie, die der Mensch nur dann beherrschen kann, wenn er als Ganzes nicht deren Hauptbestandteil ist.

 

Ein wahrnehmendes Eintauchen, das schwebt und kreisförmige Visionen erzeugt. Resonanzen und Brüche. Metaphysische und transzendentale Projektionen. Ein Prozess der De-Strukturierung und Resonanz des Denkens konstruiert neue Geografien des Imaginären und versucht, sich dem Realen anzuschließen.

 

Der Klang wird zu einem analytischen und nomadischen Instrument, das verlassene Orte durchquert und beschreibt: den beschlagnahmten Strand, das Geisterdorf, das eingestürzte Einkaufszentrum, das bombardierte Schloss. Jetzt sind es Ruinen, erodierte Wracks, denen der Mensch ausweicht. Tote Orte, wenn der Mensch sie beobachtet. Sie kleiden sich in freie Natur und bereiten sich auf eine neue Geburt vor, wobei sie die Gesetze der Zirkularität der Zeit bevorzugen. Nichts stirbt. Akustische Fragmente enthüllen ein Material des Zerfalls, der Verwüstung und der Unbeweglichkeit, das sich der Natur preisgibt und sich langsam in ein neues Gleichgewicht verwandelt. Der Schall durchdringt die Oberflächen und Tiefen der Gebiete und löst Grenzen und Trennungen auf.

 

 

 

Das Durchqueren und zeitliche Besetzen der Orte, die das Berliner Duo besucht, drückt sich in der Praxis des kreisförmigen Kratzens aus- der Kreis als eine ursprüngliche Form und Substanz, immateriell und spirituell, ein Medium der Klangverstärkung von Orten der Verlassenheit. Die Zeit an diesen Orten drückt einen schwebenden, kreisförmigen Zustand aus, der in einem kontinuierlichen Prozess von Leben, Tod, Obduktion und neuem Leben vom Ewigen bestimmt und zu einer wiederholten Existenz gezwungen wird.

 

Die Zeit folgt einer kreisförmigen Konzeption, in der alles dazu neigt, zu enden und sich neu zu konfigurieren. Die geistige und immaterielle Grenze des Menschen wird durch den Kreis definiert. Der Mensch, der in seinem Werden eingeschlossen ist, wird versuchen müssen, in einem nicht horizontalen, nicht territorialen, aber vertikalen und immateriellen Prozess die kreisförmige Grenze zu überschreiten. Genau so wie die Immaterialität des Schalls die Möglichkeit bietet, in einer vertikalen Räumlichkeit über die irdischer Resonanzen hinauszugehen.

 

 

 

exhibition

 

Zuhören wird zu einer politischen Handlung, zu einer räumlichen und zeitlichen Verhandlung ohne Grenzen. Aus Wänden und Unterteilungen werden Resonanzen, die unvorhersehbare visuelle Szenarien auslösen.

 

Ein marginaler Raum löst die Aussicht auf neue immaterielle und physische, transzendentale und politische Geografien aus: Übergangsräume zwischen Leben und Tod, in denen alles Grenze ist, Teil eines labilen und veränderlichen, transterritorialen und konfliktträchtigen Systems.

 

Diese Gebiete werden wieder geografische Positionen einnehmen und dabei den Zustand von Ort und Grenze endgültig hinter sich lassen.

 

 

 

 

 

N38E13 - Ennio Pellicanò